„Nur warten und jammern bringt nichts“

Heute ist Tag der Nachbarn. Das Ziel: Anonymität überwinden. Veronika Mattner ist da gleich mehrgleisig unterwegs.

Von Beatrix Oprée

Herzogenrath Veronika Mattner ist eine „Zugezogene“, seit gut einem Jahr erst lebt sie in Merkstein. Nachdem ihr Mann, langjähriger Dialysepatient, gestorben war, wie die 67-jährige Mutter von zwei erwachsenen Kindern erzählt, war es naheliegend, in die Nähe ihrer Geschwister zu ziehen. Eine barrierefreie Wohnung bot sich an, in der sie es sich mit dem aus dem Tierheim stammenden Hündchen Lilly gemütlich gemacht hat. Ein hübsches Heim soll es sein, keinesfalls aber eine Höhle zum Einigeln. Denn das ist so ganz und gar nicht Mattners Art. „Natürlich bin auch ich in ein tiefes Loch gefallen“, erzählt sie. Damals, nach der Beisetzung, als alle Formalitäten um den Tod ihres Mannes erledigt waren und mit einem Mal die Stille einsetzte. „Da habe ich mir schließlich Hilfe gesucht“, sagt Mattner. Und einen Gesprächskreis gefunden, alle 14 Tage, in dem alles thematisiert werden konnte, was die Mitglieder bewegte. Wobei der optimistische Blick nach vorne in Richtung Lebensfreude aber stets im Mittelpunkt gestanden habe. „Einfach nur zu Hause sitzen, warten und gleichzeitig jammern, dass keiner kommt, das geht gar nicht“, sagt sie. Selbst aktiv werden, auf andere zugehen, ist ihre Devise. Hilfe anbieten und Hilfe annehmen. Nachbarschaften seien eben nicht mehr wie früher, als die Menschen am Wohnort meist auch arbeiteten und die Frauen zu Hause waren. Die Welt ist anonymer geworden, Bewohner von Mehrfamilienhäusern sehen ihre Nachbarn oft monatelang nicht, haben sie mitunter nie kennengelernt. Weswegen Veronika Mattner nach ihrem Einzug in Merkstein sofort die Runde gemacht hat, um sich vorzustellen.

Digitale Kontaktaufnahme

Ein wichtiges Medium ist für Mattner überdies das Internet. Schon in Leverkusen hatte sie sich erfolgreich der bundesweiten digitalen Nachbarschafts-Plattform nebenan.de bedient, die sie später dann auch in Merkstein zur Kontaktaufnahme nutzen konnte. Unter anderen Renate Ramsel hat sie so kennengelernt, Mutter von drei Kindern und Grafikerin im Ruhestand. Eine Freundschaft hat sich entwickelt, man trifft sich zu Kaffee und Klön, tauscht sich über Gott und die Welt aus. „Man muss sich rühren, von nichts kommt nichts“, appelliert Veronika Mattner auch an andere. Über Internet-Plattformen lasse sich trefflich auch dem Hobby frönen. Kunstvoll geknüpfte Ketten aus bunten Perlen sind Mattners Metier. Schmunzelnd öffnet sie den Wohnzimmerschrank und zeigt ihre Materialvorräte, aus denen sich noch unzählige schmucke Stücke fertigen ließen.

„Und ich kann das Malen nicht lassen“, ergänzt Renate Ramsel, die gelernte Grafikerin. Selbstverständlich stellt sie ihre Werke in entsprechenden Communitys aus.
„Man muss auch selbst aktiv werden und auf andere zugehen.“
Veronika Mattner im Sinne einer guten Nachbarschaft

Ein weiterer Anlaufpunkt für Veronika Mattner waren die vielfältigen Angebote der Merksteiner AWO, unter anderem das regelmäßige Frühstück in der Begegnungsstätte an der Römerstraße.

Trauergesprächskreis initiiert

Jetzt möchte die 67-Jährige etwas zurückgeben, wie sie sagt, und hat zusammen mit Brigitta Gurtner den Trauergesprächskreis Merkstein initiiert, als Selbsthilfegruppe unter dem Motto „Du bist nicht allein“. „Wir sind zwei lebenserfahrene Frauen, die den Umgang mit Trauer und Alleinsein aus eigener Erfahrung kennen – und bewältigt haben“, haben sie auf ihre Handzettel geschrieben. Zu Gesprächstreffen, bei denen Trauernde bei Kaffee und Plätzchen ihre Erfahrungen austauschen können, laden sie ein, einmal monatlich mittwochs von 15 bis 17 Uhr. Auftakt ist der 12. Juni in der AWO-Begegnungsstätte, Römerstraße 209. Anmeldung ist erwünscht, um besser planen zu können. Kontakt: Veronika Mattner, 02406/8037226 oder 0172/4715660 sowie Brigitta Gurtner, 0157/73106713.

„Ich werde Kuchen backen“, freut sich Mattner schon auf die ersten Gäste des kostenlosen und unverbindlichen Angebots, an dem jeder nur so lange teilnehmen brauche, wie er selbst es möchte. „Jeder ist willkommen!“ Mattner verweist auf ihre eigenen Erfahrungen nach dem Tod ihres Mannes und weiß: „Jeder trauert anders.“ Und braucht deswegen auch unterschiedliche Formen der Zuwendung. Das heißt, jeder müsse auch die Freiheit haben, die Dinge unterschiedlich zu betrachten. „Und man muss lernen: Die Welt bleibt nicht stehen“, so Mattner. „Im Gegenteil: Ich muss mein Leben neu organisieren.“ Austausch mit anderen Betroffenen kann da sehr hilfreich sein. Und wenn die auch noch aus der Nachbarschaft stammen, umso besser.

Vier Jahre AWO „Mitten in Merkstein“

Knotenpunkt für Infos, Vermittlung, Beratung

Hauptamtlich in Sachen Stärkung nachbarschaftlichen Lebens und der Entwicklung des ganzen Quartiers ist Ursula Kreutz-Kullmann unterwegs. Seit vier Jahren gibt es das Projektbüro „Mitten in Merkstein“ des AWO-Kreisverbands Aachen-Land an der Kirchrather Straße 180 als wohnortnahen Knotenpunkt für Information, Vermittlung und Beratung. Vor allem auch Anliegen rund ums Leben im Alter stehen im Fokus. Vielfältige Angebote und Maßnahmen für bürgerschaftliches Engagement sind seither ins Leben gerufen worden, vom Kümmerer-Stammtisch über die Seniorenlotsen bis zu Nachbarschaftsknotenpunkten. Unterstützt werden Plattformen wie nebenan.de. „Mitten in Merkstein“ ist Bestandteil des generationenübergreifenden Hilfe- und Unterstützungsprojekts „Ehrenamt für Familien und Senioren“ (EFaS) in der Stadt Herzogenrath. Die Öffentlichkeitsarbeit umfasst Quartiersgänge, Netzwerkkonferenzen und den „Markt der Möglichkeiten“ (nächster Termin am 21. September). Die nächste Netzwerkkonferenz für bürgerschaftlich und hauptberuflich Engagierte ist am Mittwoch, 29. Mai, 15 bis 17 Uhr, bei der AWO in Merkstein, Römerstraße 209. Unter anderem werden die Pläne zur Umgestaltung des August-Schmidt-Platzes und das Neubaugebiet Römerstraße vorgestellt. Anmeldung: u.kreutz@awo-aachen-land.de.

www.awo-aachen-land.de

Mitfeiern ist ganz einfach

Der bundesweite Tag der Nachbarn am 24. Mai, gefördert unter anderem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dem Deutschen Städtetag und der Diakonie, ist eine Initiative der nebenan.de Stiftung gGmbH mit Sitz in Berlin. Neben dem Betrieb einer Nachbarschaftsplattform ruft sie jährlich am Mottotag dazu auf, kleine und große Nachbarschaftsfeste zu organisieren: „Für mehr Gemeinschaft, weniger Anonymität und eine Nachbarschaft, in der wir uns zu Hause fühlen.“ Jeder kann mitmachen: Privatpersonen, soziale Institutionen, Vereine, Kitas, Schulen, Kommunen … Und so einfach geht’s, wirbt nebenan.de: „Bierbank aufklappen und mitfeiern!“