Kaffee und Kuchen ja, Büfett nein

Was ist wieder erlaubt, was noch nicht? Vereine auf dem Weg in die Normalität, Beispiel AWO Merkstein.

Von Beatrix Oprée

 

Herzogenrath Die Liste der Absagen ist lang, sie umfasst von Anfang März bis Ende Juli ganze 57 Veranstaltungen. Von Frühstückstreffs über Spielgruppen bis hin zu Festen, Infofahrten und Urlaubsreisen. Nichts ging mehr, ausgebremst durch Kontaktsperre, Abstandsgebot, Reisebeschränkungen. Das Coronavirus hatte auch das Leben bei der Arbeiterwohlfahrt in Merkstein, dem mit fast 600 Mitgliedern größten AWO-Ortsverein im Altkreis Aachen, lahmgelegt. Regelmäßige Kontakte für zumeist ältere Menschen waren mit einem Schlag ausgesetzt.

„Unsere Arbeit ist wichtig im Ort“, sagt Maria Dünwald, Pressesprecherin des Ortsvereins. „Da wird es schon problematisch, wenn sich vier bis fünf Monate lang gar nichts tut.“ Die Befürchtung: dass sich die Leute ans Zuhausesein gewöhnen, der Zusammenhalt verloren geht. „Vor dem Fernseher wird aber niemand zufriedener“, sagt Vorsitzender Horst Herberg. Der kleinen Gesprächsrunde an diesem Morgen ist die Mischung aus Unmut über die Unsicherheit in den vergangenen Monaten und Optimismus, dass die Angebotspalette endlich wieder hochgefahren werden kann, deutlich anzumerken.

 

 

In Zehnergruppen

Eine der ersten Veranstaltungen, die schließlich wieder an den Start gehen konnten, waren die Kaffeenachmittage unter der Ägide der stellvertretenden Vorsitzenden Ursula Foitzik. Der regelmäßige Frühstückstreff hingegen ist noch nicht möglich, erklärt sie: „Angebote in Büfettform darf es ja noch nicht geben.“ So muss noch auf unbestimmte Zeit auf das professionell hergerichtete Speisenangebot verzichtet werden, das buchstäblich für jeden Geschmack reichlich zu bieten hat und sich daher größter Beliebtheit erfreut.

Aber Kuchen und Getränke am Tisch serviert, das geht wieder. Gemäß der derzeit geltenden Corona-Schutzverordnung in Zehnergruppen aufgeteilt, wie Foitzik erläutert, die dann auch sorgfältig Buch darüber führt, wer teilnimmt. Der möglichen Infektionsketten wegen. „Vier Wochen müssen die Listen aufbewahrt werden“, sagt sie. „Anmelden muss man sich ja sowieso.“ Der Kuchenauswahl wegen.

So präsentiert sich der Versammlungsraum in der AWO-Begegnungsstätte an der Römerstraße 209 derzeit auf Abstand, aber nichtsdestotrotz festlich eingedeckt. 24 Frauen sind im Juli beim ersten Treffen nach Monaten dabei gewesen. 30 bis 40 waren es vor Corona gewöhnlicherweise. „Einige sind halt noch verunsichert“, sagt Foitzik.

Wie sehr die Menschen das Miteinander brauchen, hatte schon der Auftakt im Rahmen dessen bewiesen, was wieder möglich ist: „Musik auf der Wiese“ war der Nachmittag Anfang Juli betitelt, den Stefan Miehling von der DJO mit seinem Akkordeon gestaltete. Rund 50 Gäste kamen, „wir hatten nur verhalten geworben“, erläutert Herberg: „Es durfte ja nicht in ein Sommerfest ausarten.“ Großveranstaltungen sind nach wie vor verboten. „Aber die Leute waren froh, sich wieder einmal sehen zu können.“

Stets Verordnungen im Blick

Auch Wanderungen werden wieder angeboten, „keine anstrengenden Touren“, so Herberg. Wege, die man kennt, auf denen es sich in Gesellschaft aber viel schöner spaziert. „Und die von denen, die noch laufen können, gerne angenommen werden.“ Gesellschaftsspiele indes werden weiterhin ausfallen müssen. Die Zehnergruppenregelung wäre zwar einhaltbar, das Abstandsgebot hingegen nicht.

Die sich stetig ändernden Bestimmungen der Corona-Schutzverordnung gilt es genau im Blick zu halten, keine leichte Aufgabe für die Verantwortlichen. Vor allem, wie Herberg erläutert, weil trotz der viele Seiten starken Ausführungen gar nicht klar wurde, unter welche Kategorie eine Organisation wie die Arbeiterwohlfahrt zu fassen war.

„Die ehrenamtliche Arbeit und das Angebot sozialer Veranstalter ist gar nicht im Blick gewesen und daher auch nicht im Zuge der Lockerungen diskutiert worden“, sagt Dünwald.

Bitte an Landesregierung

Mit einem Schreiben hat sich Herberg deswegen Anfang Juni, „in einer Zeit, als alle darüber diskutierten, ob man nach Malle fliegen darf“, an die Landesregierung gewandt: „Bei einer noch länger anhaltenden Unterbrechung der Vereinsaktivitäten werden sich viele Nutzer unserer offenen Angebote nicht mehr aufraffen können, die abgebrochenen Kontakte wieder aufzunehmen und die Begegnungsstätte wieder anzulaufen“, formulierte er die Befürchtung, dass dies zum „Absterben der freiwillig geleisteten gesellschaftspolitisch wichtigen Vereinsarbeit“ führen könne. Und: So notwendig es sei – insbesondere ältere – Menschen zu schützen, müsse auch betrachtet werden, dass die Kontaktbeschränkungen „erhebliche negative Folgen für die psychische und physische Gesundheit erwarten lassen“. Die an Ministerpräsident Armin Laschet gerichtete Bitte: „alsbald auch für den ehrenamtlichen Bereich eine zuträgliche Regelung zu finden“. Seitens der Abteilungsleitung Ministerpräsident kam die Antwort, mit der Versicherung, die Landesregierung schätze die Arbeit der Tages- und Begegnungsstätten „außerordentlich“, unter anderem als „wesentlichen Teil des wohnortnahen sozialen Angebotes“. Dank und Respekt für die ehrenamtlich Engagierten wird ausgesprochen, man werde die Hinweise auf einen drohenden Abbruch sozialer Kontakte „sehr ernst“ nehmen. Der Büroleiter schließt mit der Feststellung, dass „die nun möglich gewordenen Lockerungen auch in den Einrichtungen Ihres Verbandes wieder zu einer Aufnahme der Aktivitäten geführt haben, so dass auch hier – Schritt für Schritt – ein verantwortungsvoller Weg zurück zur Normalität beschritten werden kann.“

„Wehre mich, abgestempelt zu sein!“

Maria Dünwald, die pensionierte Lehrerin, treibt nun noch eine andere Sorge um: Ob sie den ehrenamtlichen Förderunterricht, den sie seit 2012 mit Freude und Erfolg Merksteiner Grundschulkindern erteilt, nach den Sommerferien wieder anbieten darf? Dass ihre Altersgruppe pauschal zur Corona-Risikogruppe erklärt worden sei, kommt für Dünwald Diskriminierung gleich: „Ich wehre mich dagegen, jetzt abgestempelt zu sein!“