Im Westquartier gibt´s Hilfe im Dreierpack

       

    Eschweiler Zeitung 16.09.2017

    Im Haus Gutenbergstraße 52 ist das Beratungsangebot gewachsen: Jetzt ist auch die Regionale Flüchtlingsberatung mit im Boot.

    Von Rudolf Müller

    Eschweiler. Es ist kein „Stadtteil“ wie jeder andere. Das Quartier Eschweiler West, wie das Areal zwischen Indestraße und Sticher Berg, Langwahn und Rue de Wattrelos im neuen Sprachgebrauch der Stadt heißt, ist kein „gewachsener“ Stadtteil, sondern – so erläutert die Stadt – ein Sozialraum mit starken funktionalen und sozialen Bezügen. Ein Viertel mit überdurchschnittlich hohem Ausländeranteil: 14 Prozent. Ein Viertel, in dem gleich mehrere Asylbewerberunterkünfte angesiedelt sind: in der Gutenbergstraße, der Hüttenstraße und am Stich. Ein Viertel, in dem auch der Anteil der Bürger mit Migrationshintergrund deutlich höher ist als im Durchschnitt der Indestadt.

    Aber auch ein Viertel, in dem weit mehr als andernorts qualifizierte Angebote vorhanden sind, die nicht nur den rund 5000 Bewohnern des Quartiers West das Leben erleichtern können. Angebote, die sich im Haus Gutenbergstraße 52 zentrieren und vernetzen. Hier arbeiten Stadt und Arbeiterwohlfahrt (Awo) Hand in Hand. Hier hat auch Quartiermanager Raphael Kamp sein Büro. Ebenso wie Bouchra Baboua von der Migrationsberatung für Erwachsene der Awo. Und jetzt auch Abdelhadi Mouhimi, der sich um die regionale Flüchtlingsberatung kümmert. Über Mangel an Arbeit hat keiner von ihnen zu klagen. Im Gegenteil: Die beiden Appartments im Haus Gutenbergstraße 52, die sich Stadt und Awo als Büro- und Besprechungsräume teilen, sind tagtäglich Anlaufstelle für zahlreiche Besucher mit kleinen und großen Anliegen. Und weil es gerade für Migranten gar nicht so einfach ist, die jeweiligen Zuständigkeiten auseinanderzuhalten, läuft oft genug auch einiges durcheinander.

    „Wir wissen, wo‘s fehlt“

    Seit Anfang vergangenen Jahres betreiben Bouchra Baboua und Züleyha Lale hier die MBE, die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer. Baboua ist Diplom-Sozialpädagogin. Lale ist Sozialwissenschaftlerin, die derzeit an ihrem Master in Politik- und Sozialwissenschaften arbeitet. Zuständig sind die beiden, so hat es das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) festgesetzt, für alle Migranten über 27 Jahre, die in den zurückliegenden drei Jahren nach Deutschland gekommen sind und über eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis verfügen. Betreuen dürfen sie aber auch Flüchtlinge, die noch im Asylverfahren sind, aber gute Bleibeperspektiven haben: Syrer, Iraner, Iraker, Eritreer und Somalier. Ihnen bieten sie mit etlichen ehrenamtlichen Helfern ein breites Spektrum: Rechtsberatung, Hausaufgabenbetreuung, Hilfestellung im Umgang mit Behörden. „Wir sind vor Ort. Wir wissen, wo’s fehlt, und versuchen dann, entsprechende Angebote zu machen“, sagt MBE-Leiterin Bouchra Baboua. Das reicht von Beratung bei psychosozialen Problemen über Gesprächsrunden zu Integrationsthemen bis hin zu Vortragstreffen unter dem Oberbegriff „Frauen helfen Frauen“. „Da geht es um das Thema Gewalt in der Familie allgemein wie auch um Gewalt gegen Kinder“, sagt Baboua. „Leider gilt Gewalt in der arabischen Kultur immer noch als Erziehungsmethode. Wir wollen die Mütter sensibilisieren: Was macht Gewalt mit der Seele eines Kindes?“

    Beraten wird auf Deutsch, Arabisch, Französisch, Englisch und Türkisch. Und neuerdings auch auf Persisch. Ein Angebot, das rege genutzt wird. „Mittwochs ist hier Afghanistan und Iran“, lacht Baboua. Dass Dr. Firouzeh Tehranchi, eigentlich Kieferorthopädin in Geilenkirchen, nun einmal pro Woche zur Bedarfsermittlung unter Iranischsprechenden in die Gutenbergstraße kommt, erleichtert uns die Arbeit sehr; wir erreichen deutlich mehr Menschen.“

    Menschen, die die MBE-Mitarbeiterinnen bei ihrer Integration unterstützen, in der Vertretung ihrer eigenen Interessen bestärken und deren gesellschaftliche Teilhabe sie fördern – unabhängig von deren Konfession, Weltanschauung oder Nationalität.

    Die engen Grenzen, die das BAMF der Migrationsberatung gesetzt hat (siehe oben), sorgten allerdings dafür, dass eine große Gruppe Menschen ohne Beratung blieb. Eine Lücke, die die Arbeiterwohlfahrt jetzt geschlossen hat. Und dafür sorgt Abdelhadi Mouhimi. Der 53-Jährige Mönchengladbacher leitet seit dem 1. August die Regionale Flüchtlingsberatung der Awo, die vom NRW-Ministerium für Inneres und Kommunales gefördert wird. Mouhimi ist in Casablanca geboren, hat in Rabat seinen Master in Soziologie und Psychologie gemacht, ist Dolmetscher für Arabisch und Französisch und lebt seit 1991 in Deutschland, wo er einige Jahre auch als Journalist Migrationsthemen für eine in Frankfurt erscheinende arabischsprachige Zeitschrift aufarbeitete.

    Integration geht nur zweigleisig

    Asylsuchende, die noch auf die Entscheidung in ihren Verfahren warten, bilden das Klientel des Mannes, der Arabisch, Französisch, Deutsch und Englisch spricht und nicht am Schreibtisch in der Gutenbergstraße darauf wartet, dass die Menschen zu ihm kommen, sondern regelmäßig in Eschweilers Asylbewerberunterkünften anzutreffen ist. Dreimal pro Woche berät er seine Klienten vor Ort, in ihren Unterkünften. „Die Leute dort kennen mich inzwischen alle.“ Mouhimi bietet – ebenso wie die MBE kostenlos und vertraulich – Hilfe und Beratung: in Sachen Integration, Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ebenso wie bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, bei Familienkonflikten, Erziehungs- und Schulproblemen, im Umgang mit Behörden und Institutionen. Dabei setzt Mouhimi auf eine enge Zusammenarbeit unter anderem mit dem Sozialamt der Stadt Eschweiler. Deren Mitarbeiter Demet Jahwer und Keywan Salehi bieten jeden Mittwoch von 9 bis 11 Uhr in der Gutenbergstraße 52 Sprechstunden an.

    Während sich die Angebote von MBE und Regionaler Flüchtlingsberatung an Menschen in ganz Eschweiler richten, ist die Arbeit des Quartiermanagements gezielt auf die Bewohner dieses Stadtviertel ausgerichtet. Und zwar auf alle – nicht nur auf solche mit ausländischen Wurzeln, wie Raphael Kamp betont: „Integration funktioniert schließlich nur, wenn alle Seiten darin involviert sind“, sagt der Indestädter, der in Maastricht seinen Master in Europäischen Studien abschloss und sich an der Universität der Vereinten Nationen auf Migrationswissenschaft spezialisierte.

    Er leitet den Bereich Soziale Dienste im Quartiersmanagement. Das heißt: Kamp begleitet die Projekte, die von der Sozialraumkonferenz des Quartiersmanagements unter Leitung von Dr. Wolfgang Joußen angestoßen werden. Einer Konferenz, in der Vertreter von Stadt und Freien Trägern in Sachen Integrationsarbeit Ideen austauschen. So vermittelt Kamp zum Beispiel Teilnehmer in Sprachkurse der evangelischen Kirche und arbeitet mit am Gelingen des Kinderspielplatzfestes, das der Kinderschutzbund in Kürze in der Gutenbergstraße veranstaltet. Dazu gibt es hier Kurse zu unterschiedlichsten Themen, teils in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund oder der Verbraucherzentrale. Da geht es um das deutsche Schulsystem oder auch um Heizkosten und Energiesparmöglichkeiten. Kamp ist nicht nur in der Gutenbergstraße 52 anzutreffen, er hat inzwischen auch ein Büro im Wohnheim Stich 30. Ein weiteres ist in der Unterkunft Hüttenstraße geplant.

    Offene Sprechstunden
    in der Gutenbergstraße

    MBE und Flüchtlingsberatung bieten ebenso wie das Quartiersmanagement jeden Montag und Mittwoch von 9 bis 12 Uhr offene Sprechstunden in der Gutenbergstraße 52 an. Raphael Kamp ist dort zudem mittwochs von 13 bis 16 Uhr zu erreichen. Und außerdem, wie auch seine Kollegen, nach Terminabsprache.