Ein Jahr nach dem Hochwasser wird Hilfe weiterhin benötigt

25. August 2022

Diese Erfahrung haben die Wohlfahrtsverbände gemacht und sich deshalb zusammengeschlossen. Informationsveranstaltung soll Überblick bieten.

Von Sonja Essers

Eschweiler „Wir schämen uns.“ „Anderen Leuten geht es doch viel schlechter.“ Sätze wie diese hören Inga Keller und Monika Medic oft. Die beiden Frauen arbeiten bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Eschweiler und kümmern sich um Menschen, die vom verheerenden Hochwasser im Juli 2021 stark getroffen wurden. Mit weiteren Wohlfahrtsverbänden hat sich die AWO Anfang Oktober 2021 zu einem Hilfsnetzwerk zusammengeschlossen. Heute – knapp ein Jahr nach der Flut – sei der Bedarf an Hilfen nach wie vor hoch. Es gebe allerdings zwei Probleme: „Viele wissen gar nicht, dass es Hilfe gibt und dass wir sie beim Antrag an das Land unterstützen. Oder sie haben es allein nicht geschafft und aufgegeben“, berichtet Inga Keller.

Im Rahmen einer Informationsveranstaltung (siehe Infobox) wollen die Wohlfahrtsverbände auf ihre Angebote aufmerksam machen und Fragen beantworten. „Uns ist wichtig zu zeigen, dass wir Helfer noch da sind“, sagt Inga Keller.

In erster Linie unterstützen sie und Monika Medic die Betroffenen bei der Stellung des Antrags für Wiederaufbauhilfen an das Land NRW. „Viele versuchen es selbst und scheitern dann. Allein ist das sehr schwierig. Für viele ist es schon ein Hindernis, dass die Antragstellung nur online möglich ist“, weiß Keller. Außerdem müsse man Geduld mitbringen. „Ich sage den Betroffenen immer, dass wir ihnen helfen, aber dass es dauert, bis sich etwas tut.“

In einem ersten Schritt klären Inga Keller und Monika Medic die Flutopfer über die richtige Herangehensweise auf. Schließlich spiele es eine Rolle, ob man versichert sei oder nicht. Die Versicherung sei der erste Ansprechpartner, dann könne man den Antrag beim Land stellen, und in einem letzten Schritt kommen die Spendengelder – in diesem Fall die Gelder der Aktion „Deutschland hilft“ – ins Spiel. Doch in vielen Fällen kommt es gar nicht erst so weit. „Es gibt so viele Leute, die knapp ein Jahr nach der Flut noch gar nichts bekommen haben“, weiß Monika Medic.

Die Anlaufstelle der Arbeiterwohlfahrt befindet sich an der Gutenbergstraße. Auch dort leben etliche Betroffene. Gerade in diesem Viertel gebe es eine Besonderheit. „Hier leben viele große Familien in kleinen Wohnungen. Gerade die Kellerräume waren oft besonders wichtig, weil dort im Sommer beispielsweise die Winterkleidung verstaut wurde und viele Dinge des täglichen Bedarfs untergebracht sind. Das ist etwas, das oft gar nicht so bewusst ist“, weiß Inga Keller.

Sie und ihre Kollegin arbeiten nicht nur im Büro, sondern machen auch Hausbesuche. Bei diesen treffen sie auch auf Menschen, die noch nicht in ihre Wohnungen und Häuser zurückkehren konnten. „Es gibt Leute, die nach wie vor in Wohnwagen leben. Auch das Thema Folgeschäden kommt nun immer mehr auf“, weiß Keller. Und: „Wenn es regnet, haben viele Menschen Angst.“

Doch nicht nur diese Reaktion habe das Hochwasser ausgelöst. „Gerade viele ältere Menschen vereinsamen. Für Familien gibt es etliche Angebote. Senioren hat man ein Stück weit aus dem Blick verloren, weil nicht alle Anlaufpunkte, die sie nutzen, wieder da sind oder sie sich einfach nicht trauen, unter Leute zu gehen“, erläutert Monika Medic. Aus diesem Grund bietet die AWO Ende August eine fünftägige Fahrt an die Mosel an. Sie ist gedacht für Menschen über 60 Jahre, die vom Hochwasser betroffen sind.

Bei der Veranstaltung im Rathaus werden alle Wohlfahrtsverbände ihre Angebote vorstellen. Besonders am Herzen liegt den Verantwortlichen zudem, mit Gerüchten und Falschinformationen aufzuräumen. „Wir hören von Menschen, die meinen, ihnen stehe keine Hilfe zu oder dass sie sich strafbar machen würden, wenn sie den Antrag ausfüllen, obwohl sie versichert sind. Das ist natürlich nicht so, es sei denn, man macht falsche Angaben“, betont Inga Keller.

Wo die Menschen am Ende Hilfe suchen, ist nach Aussage von Monika Medic egal. „Die Wohlfahrtsverbände sind untereinander gut vernetzt. Wir arbeiten zusammen. Schließlich geht es darum Menschen zu helfen“, sagt Medic.

 

Eschweiler Zeitung, 02.07.22