Ärger mit dem Partner, pleite – und dann schwanger?

AWO berät nicht nur, wenn mögliche Eltern an einen Schwangerschaftsabbruch denken. Unterstützung in vielerlei Lebenslagen. von Rudolf Müller

Eschweiler. Sie beraten Einzelne, Paare, Familien und Gruppen, und das unabhängig von ethnischer Herkunft, Nationalität, Weltanschauung, Alter, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Und damit haben die Mitarbeiter der AWO-Beratungsstelle für Sexualität, Schwangerschaft und Familienplanung alle Hände voll zu tun. Im vergangenen Jahre verzeichnete die Beratungsstelle an der Grabenstraße 634 Fälle mit 896 Beratungen. 2016 waren es 637 Fälle mit 864 Beratungen. Beratungen, die kostenlos sind, der gesetzlichen Schweigepflicht unterliegen und auf Wunsch auch anonym sind.

Die Flüchtlingskrise von 2015/16 machte sich auch bei den Beratungen bemerkbar: In 105 Fällen war im vergangenen Jahr ein Dolmetscher nötig. Zudem richtete die Arbeiterwohlfahrt 2017 eine zusätzliche, vom Land finanzierte befristete Teilzeitstelle für die Beratung und Begleitung von Flüchtlingsfrauen und -familien ein. Dafür, so die Beratungsstellenleiterinnen Brigitte Hermanns-Spilles und Maria Küpper, „konnten wir eine Kollegin gewinnen, die aufgrund ihrer Sprachkompetenz und ihres kulturellen Hintergrundes den Flüchtlingsfrauen und -familien sowohl beratende als auch begleitende Unterstützung bei Behördengängen oder Arztbesuchen anbieten konnte.“ Die so schnell entstandene Vertrauensbasis habe den Klienten geholfen, über ihre Sorgen, Ängste und Probleme zu sprechen: „Wichtig in Gesprächen insbesondere mit ausländischen Klientinnen ist, ihnen Sicherheit zu geben.“

Ein Großteil der Klienten bzw. Klientinnen, so berichten die beide Diplom- Sozialpädagoginnen, bestreitet seinen Lebensunterhaltung durch Sozialhilfe, Wohngeld, Kinderzuschlag oder nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Und da ist Geld knapp. „Die Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung durch die Bundesstiftung ,Mutter und Kind‘ oder durch den Verhütungsmittelfonds der Städteregion wurden im Berichtsjahr aufgrund der steigenden Nachfrage und Bedürftigkeit schneller ausgeschöpft als in den Vorjahren“, stellt die AWO fest. Die steigende Zahl der Anfragen von Frauen und Männern zur finanziellen Unterstützung aus dem Verhütungsmittelfond verdeutliche, so die AWO, die Notwendigkeit dieses Fonds, um ungeplante und ungewollte Schwangerschaften möglichst zu vermeiden.

Nicht jeder, der die Beratungsangebote der AWO in Anspruch nimmt, tut dies freiwillig. Fast jede(r) zweite kam, weil Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen, gesetzlich zu einer Schwangerschaftskonfliktberatung verpflichtet sind. In 41 Prozent aller Fälle im vergangenen Jahr ging es um solche Beratungen nach § 5/6 SchKG. Eine Zahl, die exakt der des Vorjahrs entspricht. „In der Schwangerschaftskonfliktberatung bieten wir den Frauen und Paaren einen zeitnahen Termin an“, betonen die AWO-Fachkräfte.

„Wir beraten wertschätzend, ganzheitlich und ergebnisoffen.“ Die meistgenannten Gründe, eine Schwangerschaft abbrechen zu wollen, waren körperliche und psychische Verfassung, finanzielle Lebenssituation, Ausbildung, Beruf sowie familiäre und partnerschaftliche Probleme. „Wir informieren über familienfördernde Leistungen, mögliche finanzielle Beihilfen bei Schwangerschaft und Geburt sowie über weitere Unterstützungsmöglichkeiten, die eine Fortsetzung der Schwangerschaft möglicherweise erleichtern.“

Die Schwangerschaftsberatungen, auch im freiwilligen Bereich, werden zunehmend komplexer, stellt die AWO fest. „Individuelle Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Alleinerziehend, Migrations- oder Flüchtlingshintergrund, häufig damit verbundene traumatische Erfahrungen, psychische Belastungen, Probleme im familiären Umfeld belasten Frauen und Paare und erfordern eine umfassende Beratung und Begleitung.“ Und dies nicht nur bis zur Geburt.

Auch danach werden häufig Beratungsanfragen zu wirtschaftlichen oder rechtlichen Situationen gestellt. Es gibt nach wie vor reichlich zu tun für die AWO-Berater.

Von Sexualberatung bis Familienplanung

Von den 634 Fällen, in denen die AWO im vergangenen Jahr Schwangerschaftsberatungen bzw. gesetzlich vorgeschriebene Schwangerschaftskonfliktberatungen unternahm, stammten die Klienten in 377 Fällen aus Eschweiler, 113 kamen aus Stolberg, 41 aus Herzogenrath. 399 Klient(inn)en besaßen die deutsche Staatsangehörigkeit, 52 waren Deutsche mit Zuwandergeschichte, 183 hatten eine andere Staatsangehörigkeit. Die AWO-Fachkräfte unternahmen 624 Einzelberatungen, berieten 153 Paare und 119 Klienten mit einer anderen Begleitperson. Anlass des Erstkontakts bei freiwilliger Beratungen war in 209 Fällen eine Schwangerschaftsberatung, in 29 Fällen eine Sexual- bzw. Partnerschaftsberatung, in 114 Fällen ging es Familienplanung, Kinderwunsch oder Verhütungsberatung. 16 Mal war eine nachgehende Beratung und Begleitung nach Geburt durch die AWO-Fachkräfte gewünscht, einmal ging es um eine nachgehende Beratung und Begleitung nach einer Fehl- oder Totgeburt, Abbruch oder plötzlichem Kindstod, zweimal um Sexualaufklärung und sechsmal um sonstige.

Eschweiler Zeitung, 14.04.2018